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(Nicht) Fachgerecht entsorgt
Von: luzi-m
Etwa 300 selbsternannte "Lebensschützer" zogen am Samstag mit Kreuzen, Marien- und Embryonenbildern durch die Innenstadt, um gegen Abtreibungen zu demonstrieren. Ebenso viele Antisexist_innen demonstrierten dagegen und für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen*
München. Abgeriegelte Straßenzüge, Absperrgitter, Polizeispalier - eine Nazidemo, hätte mensch denken können. Selbst die Farben des Fronttansparentes - weiße und rote Schrift auf schwarzem Grund - erinnerten an die üblichen rechtsextremen Aufmärsche in München. Auch der Aufruf von "Euro Pro Life" spricht eine völkische Spache. So wird darin bemängelt, dass die Geburtenrate in Europa "weit unter dem für den Selbsterhalt eines Volkes nötigen Mindestwert von 2,1" liege.
Tatsächlich waren einige Neonazis vorallem am Auftakt des "Marsches der 1000 Kreuze" beteiligt (jedoch nicht in dem Ausmaß des Vorjahres). Mehrheitlich aber waren es rund 300 fundamentalistische Christ_innen, die dem Aufruf von "Euro Pro Life" gefolgt waren und anglebliche "1000 Ungeborene jeden Tag" betrauerten. Dass diese Zahl weit zu hoch gegriffen, nämlich gut verdreifacht ist, kümmerte sie nicht. Insofern war es mehr als passend, dass aufgrund der geringen Teilnehmer_innen-Zahl "nur" etwa 150 Kreuze zusammen kamen.
Für die Selbstbestimmung
Bereits um 12 Uhr hatten sich etwa ebenso viele Gegendemonstrant_innen (die Veranstalter_innen sprechen von 4-500) am Georg-Freundorfer-Platz im Westend versammelt. Das Bündnis ProChoice hatte unter dem Motto "My Body my Choice" zur Demonstration für das Selbstbestimmungsrecht von Frau* über ihre Körper aufgerufen.
In Redebeiträgen wurde vehement gegen das reaktionäre Rollenbild argumentiert, das die "Lebensschützer" in Texten und Aktionen zementieren wollen.
Genauer auf das Abtreibungsverbot und seine Geschichte ging zunächst das "Antisexistische Aktionsbündnis München" ein:
"Die Regelungen über Schwangerschaftsabbrüche wurden bis in die Neuzeit nur von Männern gemacht, während das Wissen über mögliche Arten der Durchführung lange Zeit bei Frauen lag und von ihnen tradiert wurde.
Alle Frauen, die Abbrüche durchführten, wurden der Hexerei bezichtigt und mit dem Tod bestraft. Bis heute ist ein Schwangerschaftsabbruch in der BRD juristisch eine Straftat."
Ebenso finde bis heute eine Ächtung von Frauen statt, die abgetrieben haben. Solange Abtreibung immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema sei, hätten es Abtreibungsgegner_innen leicht, den Zugang zu Kliniken zu erschweren. "Europaweit vernetzen sich immer mehr konservative, rechtspopulistische Parteien und Organisationen mit dem Ziel, auf EU-Ebene ein absolutes Abtreibungsverbot durchzusetzen", so der Beitrag, der mit den Worten "Für die Freiheit für das Leben, Selbstbestimmung muss es geben!" schloss.
Eine Vereinigung, die Frauen als Mörderinnen beschimpfe, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen, sei eine Vereinigung, die Frauen nicht als selbstständige, verantwortungsvolle und gleichberechtigte Menschen wahrnehme, sondern auf Brutstätten reduziere, so die Vertreterin der "SDAJ" in Hinblick auf die "Lebensschützer". "Wir stehen heute hier, um für ein Frauenbild zu kämpfen, das Generationen von Feministinnen mit viel Mühe aufgebaut haben."
Eine Sprecherin des "Kommunikationszentrums für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation e. v. (kofra)" erinnerte daran, dass sich vor 38 Jahren "Frauen sich massenhaft aufmachten, um für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen! Dazu gehört die ersatzlose Streichung des §218, die Beendigung der Kriminalisierung von Abtreibung, die Kontrolle über den eigenen Körper, das eigene Leben!"
Mit Hausdurchsuchungen und Vorladungen sei die Polizei damals gegen die aktivste Gruppe, die Münchner "Aktion 218" vorgegangen. Dennoch hätten die Frauen damls "begriffen, dass das Abtreibungsverbot den zentralen Punkt patriarchaler Dominanz und Fremdbestimmung darstellt", so die kofra-Vertreterin, die am Ende die "Befreiung von Mutterpflicht, Beendigung von Zwangsmutterschaft, von Sexual- und Lebensfeindlichkeit, Selbstbestimmung des Frauenlebens mit und ohne Kindern, Befreiung von patriarchaler Bestimmungsmacht und jeder Form von Sexismus" forderte.
Der Redebeitrag der Antifa NT setzte sich grundlegend mit konstruierten Geschlechterrollen auseinander. Die Zuschreibung bestimmer Merkmale zu einem Geschlecht beinhalte "zwangsläufig Wertungen, die im Unterdrückungsverhältnis Patriarchat, der Unterdrückung von 'Frauen' durch 'Männer' mündet" so der Beitrag. Und weiter:
"Dieses System, die Heteronormativität, lässt keinen Platz für Menschen, die nicht in dieses Raster passen oder passen wollen, wie z.B. Homo- oder Bisexuelle, Transgender, Trans- oder Intersexuelle, queers und andere. Sie gelten als 'unnormal' und werden ausgegrenzt, angefeindet und angegriffen. Wenn wir von Antisexismus sprechen, dann meinen wir damit den Kampf gegen Patriarchat und Heteronormativität."
Bei dieser "Kritik der bestehenden Verhältnisse" gelte es jedoch auch immer wieder die eigene Position, das eigene Denken und Handeln mitzureflektieren, so Antifa NT.
Nach der Auftaktkundgebung zog die Demonstration - begleitet von einem immensen Polizeiaufgebot - zunächst in die Westendstraße. Hier ging es am stark bewachten so genannten "Mutterhaus" der "Lebensschützer" vorbei, bei dem offenbar bereits zuvor die Fensterscheiben eingeworfen worden waren. In der Schwanthalerstraße wurde die Demonstration abgebrochen. Im Anschluß verteilten sich die Antisexist_innen rund um die Zugstreck der Christ_innen und "Lebensschützer".
Reaktionärer Sexismus mit Nazivergleich
Diese begannen ihre krude Veranstaltung vor der St.-Paulskirche. Hinein durften Sie nicht, da sich "Euro Pro Life" auch aus Sicht der Kirche nicht genügend von Rechtsextremist_innen distanziert hatte, die sich an dem "Marsch" beteiligen wollten.
Nach dem Auftakt, bei dem "EuroProlife"-Präse Wolfgang Hering die gegnerischen "Linksextremisten" mit den Nazis verglich, zogen die reaktionären Abtreibungsgegner_innen betend los - und stießen schnell auf nicht wenige Antisexist_innen. Diese begegneten ihnen mit Trillerpfeifen und Parolen wie "Kein Gott! Kein Staat! Kein Patriarchat" oder "Hätte Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben".
Die Polizei ging schon hier harsch gegen die Gegendemonstrant_innen vor, es folgten Platzverweise und Gewahrsamnahmen. Einige wenige schafften es wohl "inkognito" in den "Lebensschützer_innen"-Marsch, wo sie "Regenschirme mit Parolen" aufspannten oder sich "gleichgeschlechtlich" zu umarmen und zu küssen begannen. Auch sie wurden aus dem Aufzug gedrängt und mit Platzverweisen belegt.
Auch im weiteren Verlauf gelang es Frauenrechtler_innen trotz der massiven Polizeiabsperrungen immer wieder, in die Nähe der Kreuze tragenden Fundamentalist_innen zu gelangen, die über die Schwanthaler- und Sonnenstraße zum Viktualienmarkt und schließlich zur Prinzregentenstraße zogen. Neben Parolen flogen diesen immer auch wieder Kondome und auch Flaschen entgegen.
Auch am Ende des Zuges liefen die "Lebensschützer", denen das Leben der Frauen nur als "Gebärmaschine" "schützenswert" zu sein scheint, direkt auf die Antisexist_innen zu. Diese hatten sich mit Transparenten unterhalb des Friedensengels aufgestellt und erwarteten den reaktionären Aufzug bereits.
Kleiner "showdown" an der Isar
Diese begannen nun mit dem albernsten Teil ihrer Veranstaltung, dem Versenken von Rosen in der Isar, wobei zu jeder Rose irgendein Name gerufen wurde. Auf diese Weise soll wohl fiktiver abgetriebener "Kinder" gedacht werden.
In die andächtige, mit Glockengeläut untermalte Stimmung platze dann aber doch ein Antisexist, der mit der Parole "Hätte Maria abgetrieben ..." - analog zum Berliner Aufruf "1000 Kreuze in die Spree" - eines der weißen Kreuze der Isar übergab. Dies brachte ihm letztlich eine Anzeige wegen "Verstoßes gegen das Abfallwirtschaftsgesetz" ein, da das Kreuz nicht fachgerecht entsorgt worden war.
Beim abendlichen Solifest, das das Antisexismusbündnis zusammen mit dem Queerkafe veranstaltete, waren sich die meisten einig, dass sich die "Lebensschützer" eher blamiert haben. Auch die Tatsache, dass ein derart reaktionärer Haufen nur dank massivem Polizeischutz und damit stark abgeschirmt durch die Stadt ziehen kann, werteten viele als Erfolg.










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