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08.09.09 18:10

Sexismus in der Antifa?

Von: luzi-m

„Keine Frage“, lautete die Antwort des asab_m-Workshops beim Antifa-Jugendcamp in Geretsried. Wie das geändert werden kann, blieb jedoch offen.

Viel zu spät erfuhr ich vom Workshop „Sexismus in der Antifa“, den das „Antisexistische Aktionsbündnis München (asab_m)“ am Freitagnachmittag auf dem „3. Bayernweiten Antifa-Jugendcamp“ in Geretsried bei München anbot. Also entschied ich mich kurzfristig und ohne mich näher mit dem Camp zu beschäftigen, zu dem Pfadfinder_innenheim bei Wolfratshausen zu fahren.

Auf dem Gelände des „Bundes deutscher Pfadfinder“ finden seit Jahrzehnten immer wieder auch recht fortschrittliche Veranstaltungen statt. Von 27. bis 30. September 2009 veranstalteten Aktivist_innen um die Antifa NT hier ein viertägiges Camp, das sich vorrangig an Jugendliche wendete und unter anderem Vorträge zu Rassismus, Faschismus und Kapitalismuskritik bot.

Auffällig und erfreulich war schon zu Beginn, dass erstaunlich viele Leute – im Grunde alle, die nicht mit organisatorischem Kram zu tun hatten – teilnahmen, das dürften mehr als vierzig gewesen sein.

 

Augenblicke

Zwei der Workshopleiter_innen stellten das Workshop-Konzept zu Beginn in groben Zügen vor und betonten dabei, dass sie hier nicht die „Sexismus-Expertinnen“ seien, sondern das Thema wichtig fänden und daher den Workshop konzipiert hätten. Dies führte schnell dazu, dass die typische Hierarchie zwischen „Leiter_innen“ und „Publikum“ aufgebrochen wurde. Generell ging es nicht darum, wer am meisten über das Thema Sexismus weiß, sondern eher um Selbsterfahrung durch Rollenspiele und Erfahrungsaustausch.

Der erste Teil war - wie immer bei solchen Workshops – natürlich etwas heikel. Statt der gängigen Vorstellungsrunde schlugen die Veranstalter_innen zum Kennenlernen vor, dass alle aufstehen und sich sieben Minuten lang gegenseitig in die Augen blicken. Es durfte auch mal weggeschaut oder die anderen beobachtet werden, aber es gab die Bitte, nicht zwischendurch die Runde zu verlassen, um die restlichen Kursteilnehmer_innen nicht zu verunsichern. Unglaublich, wie lange sieben Minuten sein können! Irritierend wirkte, dass eine Person durchgehend mit schwarzer Sonnenbrille herum lief und sich die anderen Leute ansah, ohne dass mensch deren Augen sehen konnte.

Ein Effekt dieser „Auflockerungsübung“ war für mich, einerseits das Gefühl des von-Fremden-Angestarrt-Werdens zu erkunden, andererseits eine Art zu finden andere Leute anzusehen, ohne deren (vermutete) persönliche Grenzen zu verletzen. Oder anders gesagt: zu lernen zu merken, wann ein Mensch meine Blicke als aufdringlich empfindet. All dies wurde natürlich dadurch verstärkt, dass wir zum Schweigen "verdammt" waren und es somit nur zwei Möglichekeiten gab: sich anzusehen oder woanders hinzuschauen bzw. hinzugehen.

Hartnäckige Klischees

Nach dieser wohl für viele nicht unbedingt auflockernd wirkenden Eröffnung startete der eigentliche Workshop mit einer Übung zur Selbsteinschätzung. Dabei bildeten die Referentinnen mithilfe einer Spritzpistole und eines Tuches zwei gegenüber liegendende Pole: „männlich“ und „weiblich“. Dann baten sie die Teilnehmenden, sich anhand vermeintlich einfacher Fragen auf einer imaginären Linie zwischen den Polen zu „positionieren“, ließen aber die dritte Möglichkeit offen, sich ausserhalb hinzustellen.

Es waren Fragen wie „wenn Du tanzt, tanzt du dann eher männlich oder eher weiblich?“, die zu langen Debatten führten. Natürlich zeigte sich das die Teilnehmer_innen zum Teil völlig unterschiedliche Vorstellungen hatten, was überhaupt „männlich“ oder „weiblich“ tanzen sein soll. Und so gesellten sich zu der ohnehin sehr engen Einteilung von Verhaltensweisen diverse Klischees, wie „Mann“ oder „Frau“ wohl tanzt oder sich kleidet. Bei der Frage "wie verhältst Du Dich auf einer Demonstration?" etwa fiel mir und den meisten anderen auch nichts anderes ein, mich anhand so abgegriffener Klischee-Paare wie „schwach-stark", „laut-leise" oder "aggressiv-defensiv" aufzustellen.

Deutlich wurde dabei zweierlei: einerseits die bereitwillige Annahme der bipolaren Aufteilung durch nahezu alle Teilnehmer_innen, andererseits aber auch eine erkennbare Anstrengung vieler, sich nicht dem Klischee gemäß einordnen zu wollen.

Erst nach dem Spiel fiel einem Teilnehmer eine nicht uninteressante Frage zu der Übung ein, die eine thematische Lücke des Workshops beleuchtet hätte: Die Frage „wenn Du eine Partnerschaft suchst, tust Du dies dann männlich oder weiblich?“ hätte womöglich Aufschluss darüber geben können, ob bzw. warum in der Antifa bzw. in der radikalen Linken Schwule/Lesben/Trans/Bi/* (nicht) sichtbar sind.

Sexismus in der Linken

Nach der Pause ging es ans Input-Sammeln. JedEr Teilnehmer_in schrieb auf einen Zettel, wo er/sie/* Sexismus innerhalb der eigenen politischen Strukturen wahrnimmt. Die Menge an abgegeben Zetteln und die Ähnlichkeiten der Wahrnehmungen machten am Ende deutlich, dass das offenkundige Problem „Sexismus in der Antifa“ oder in anderen politischen Strukturen – bis auf wenige Ausnahmen - kein Problem der Wahrnehmung ist. Immer wieder wurden mackerhaftes Redeverhalten, die Rollenverteilung bei Veranstaltungen oder die ungleiche Wahrnehmung von "Männern"/"Frauen" genannt.

Im Anschluss an diese „Materialsammlung“ teilte sich die große Runde in zwei Gruppen, in denen jeweils mehrere kleine Rollenspiele erarbeitet und vorgeführt wurden. In der ersten Vorstellung ging es zum Beispiel um eine Person, die im Plenum zwei Anderen stets mit einer fertigen Lösung ins Wort fällt. Dass alle drei Rollen von als "männlich" wahrgenommenen Personen gespielt wurden, führte bei Mancher/Manchem zu Verwirrung. In den anschließenden Diskussionen wurde aber schnell klar, dass die dargestellten Verhaltensmuster zwar sexistisch konnotiert sind, keinesfalls aber auf „Männer“ reduziert sind, sondern übliche dominante oder patriarchale Praxen sind.

Alles queer?

Dies übrigens nahmen einige (ach so „queere“) Teilnehmer_innen zum Anlass in Frage zu stellen, ob es denn überhaupt männlich-sexistisches (Rede-) Verhalten in Gruppen gebe. Mit den bekannten Argumenten: die Zuschreibung „männlich-weiblich“ sei doch überholt, fortschrittliche sollten nicht in solch engen Kategorien denken und wenn dann finde sich so etwas in der „großen Gesellschaft“. Frei nach dem Motto: „Es gibt kein (biologisches) Geschlecht, also kann es auch keinen Sexismus geben. Entsprechend hätte die wissenschaftliche Widerlegung des Konzeptes "Rasse" in den Siebziger Jahren das Ende des Rassismus bedeuten müssen. Hat sie aber nicht, was zeigt, dass Dominanzpraktiken auch ohne wissenschaftlich haltbare Kategorien funktionieren.

Der Workshop hat gezeigt, dass viele von Männern praktizierte und bis heute vorrangig von Männern gelernte Verhaltensweisen als Dominanzpraktiken inzwischen auch von einigen Frauen eingesetzt werden – oft um sich als Minderheit in einer Gruppe Biomänner durchzusetzen. Daraus schlossen einige Wenige, dass es sich nicht um sexistisches Verhalten handelt. Derartige Verhaltensmuster sind aber mit deutlichem Abstand häufiger bei „Männern“ und gegenüber „Frauen“ zu finden.

Richtig schräg erschien dann der geäußerte Einwand, es könne doch nur von Sexismus geredet werden, wenn ein Mann eine der gezeigten Taktiken in dem Bewußtsein einsetze, dass das Gegenüber eine von ihm als minderwertig empfundene Frau sei. Dementsprechend gäbe es Unterdrückung also nur dann, wenn sie bereits thematisiert und bei den Unterdrückenden auch als solche anerkannt und verstanden wäre. Wenn also ein Sexist nicht weiss, daß sein Verhalten sexistisch ist, dann ist es nicht sexistisch? Das unglaubliche für mich ist bei diesem und ähnlichen Statements, daß es Leute in einer kritischen Linken gibt, die sich weigern zu glauben, daß WIR ALLE durch unser Verhalten immer wieder unbewusst Hierarchien reproduzieren.

Drinnen und draußen

Im Veranstaltungszelt, in das wir wegen eines Regenschauers flüchteten  schlugen die Veranstalter_innen vor, die Gruppe nochmals aufzuteilen – diesmal in „Männer“ und „Frauen“. Mit der Zurechnung schien niemand Probleme zu haben, also ging das Männerplenum hinaus. Einer war mit diesem Vorschlag mangels klarer Handlungsanweisung überfordert. („Über was sollen wir reden?“).

Draußen saßen dann die „Kerle“ und wußten erstmal alle nicht, worüber sie nun reden sollten. Der Einwand, dass sich doch für die meisten Anwesenden gegenüber dem „Plenumsalltag“ vermutlich gar nicht viel geändert haben dürfte, änderte daran wenig. Nur schwerlich wollte eine Debatte in Gang kommen, in der unter anderem die Frage gestellt wurde, ob das erst seit Kürzerem zu sehende Erscheinen von Frauen auf politischen Flyern und T-Shirts ein Zeichen von Sexismus sei. Hä?

Am Ende ging es dann doch noch um die Frage, wie dem ja nun durch die Materialsammlung von vielen festgestellten Sexismus in Antifa-Gruppen begegnet werden könne. Zum Teil wurde das Problem dann mit der generellen Sorge vor Repression verknüpft, die ja ein Einbeziehen von „Fremden“ erschwere. Haben die Typen alle keine Freundinnen oder sind diese ihnen auch fremd, weil sie nicht gefragt werden zu Repressionsfragen? Mit dem Fokus auf die „Fremden“. oder die „Neuen“ wurde das heikle Thema Sexismus in den eigenen Reihen geschickt umschifft.
.Es mag nicht zuletzt an der fortgeschrittenen Zeit gelegen haben, dass über antisexistische Praxis nicht mehr gesprochen wurde.

Am Ende holte eine Referentin das Männerplenum wieder ins Zelt, um kurz noch gemeinsam Bilanz zu ziehen und ein Feedback zu erbitten. Die Themen der gendergeteilten Plenas wurden den jeweils Anderen nicht mitgeteilt. Viel Sinnvolles oder Vorzeigbares gab es seitens der "Männer" ja nicht zu berichten, daher war mir das ganz recht so.

Zum Schluß erhielten die Leuten von asab_m sehr unterschiedliches Feedback.  Die einen hätten sich mehr theoretischen Unter- oder Überbau gewünscht - also eher einen Vortrag bei dem sie nicht selbst Themen erarbeiten gemusst hätten? Andere dankten für einen umfangreichen, gut konzipierten Workshop, der fortgeführt werden sollte. Ich zumindest war recht angetan. Zukünftige Workshops  - vielleicht mit weniger Leuten auf einmal - könnten dann ja die Bereiche Homo-/Trans*phobie sowie generell dominantes/patriarchales Verhalten mit einschließen.

Der Blog "Allophilia"

"In einer Runde in der (scheinbar) alle heterosexuell sind, kommt auch keine andere Perspektive rein. Wie so oft kam deshalb das Thema Homosexualität nur als Beschimpfungserfahrung von heterosexuellen Männern* vor. So wird dann auch über das Thema geredet, Homosexuelle das sind immer nur die Anderen."

Sicherlich kann es den Veranstalter_innen nicht angekreidet werden, dass derart viele Leute teilgenommen haben, was den Workshop ziemlich in die Länge zog. asab_m ist es gelungen, Sexismus in der Antifa und anderen politischen Gruppen sichtbar zu machen und Anstöße zu einer Reflexion darüber zu geben. Hierfür gab es als Dreingabe noch einen sehr lesenswerten Reader, den es vielleicht auch mal im Netz geben wird.

Die Gespräche, die an dem Abend noch bis spät in die Nacht andauerten, zeigten, dass es bis zu einer gleichberechtigt arbeitenden Antifa zwar noch ein langer Weg ist; manches deutet aber darauf hin, dass die Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen, zunimmt.


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