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Mittenwald. Proteste laufen an
Von: luzi-m
Trotz Schwierigkeiten haben die Gegner_innen der "Brendtenfeier" des "Kameradenkreises der Gebirgsjäger" mit ersten Aktionen gegen das Treffen begonnen. Zu Pfingsten weren Antimilitarist_innen und Antifaschist_innen in dem Bergdorf demonstrieren.

Kundgebung am Fuße des "Hohen Brendten" (Foto: http://keine-ruhe.org/mittenwald)

Mittenwald an Pfingsten 2005: Gebirgsschützen ...

... und Antifademo
Ihren "Gedenkgottesdienst" konnten die Veteranen der Gebirgstruppe am vergangenen Wochenende ungestört abhalten. Nur rund 300 von ihnen kamen auf dem "Hohen Brendten" zur alljährlichen Tauer um die deutschen Täter zusammen. Vor Jahren noch waren es bis zu 5000 Wehrmachts- und Bundeswehrangehörige nach Mittenwald, um eine erscheckende Form der "Traditionspflege" zu betreiben: der "gefallenen" Gebirgsjäger zu gedenken, die (auch) im zweiten Weltkrieg bei ihren verbrecherischen Einsätzen drauf gegangen sind.
Die Opfer der Gebirgsjäger wurden lange gar nicht, und seit dem Einsetzen der Proteste gegen das Treffen nur ganz am Rande erwähnt - es sei eben "eine schlimme Zeit" gewesen.
Proteste seit sieben Jahren
Seit einigen Jahren regt sich Widerstand gegen die unheimliche Feier. Nicht in Mittenwald, das eng mit der Bundeswehr und der Gebirgstruppe verbunden ist. Antifaschist_innen und Antimilitarist_innen aus der Republik
mobilisieren seit 2002 zu Protesten in den Luftkurort, der die braune Vergangenheit scheinbar mit "Lüftlmalerei" zu übertünchen sucht.
Nachdem in den Jahren 2005 und 2006 die Proteste ihren Höhepunkt vielen Hundert Gegner_innen erreicht hatten, ist es in den letzten Jahren ruhiger geworden. Dazu beigetragen haben dürfte sicherlich der enorme Schwund bei den "Kameraden", der neben dem zunehmenden Alter der "Veteranen" auch auf die erfolgreichen Kampagnen der "Brendtengegner_innen" zurückzuführen ist. Nicht zuletzt wegen der öffentlichen Thematisierung der "Brendtenfeier" und ihrer Teilnehmer_innen wurde dort der mutmaßliche Kriegsverbrecher Joseph Scheungraber erkannt, der derzeit in München vor Gericht steht.
Dennoch: nach wie vor findet das "Heldengedenken" von Alt- und Neonazis sowie "traditionsbewußten" Bundeswehrsoldat_innen (?), tatkräftig unterstützt durch die Bundeswehr, statt.
Im vergangenen Jahr noch versuchten Antifaschist_innen und Antimilitarist_innen, den Berg während der Feier von einem per Notbremse zum Halten gebrachten Zug aus zu stürmen. Die Polizei aber - in Mittenwald seit Jahren mit einem Großaufgebot präsent - vereitelte die Aktion.
Nicht ganz ungestört
In diesem Jahr nun fand das ehemalige "Pfingsttreffen" erneut nicht an Pfingsten, sondern zwei Wochen vorher statt. Aufgrund der anhaltenden Proteste, die offenbar ernsthafte Einbrüch der Tourist_innen-Zahlen an Pfingsten zur Folge hatten, wurde das Gebirgstruppentreffen in den letzten Jahren vorverlegt.
Ohne Erfolg allerdings. Die Brendtengegner_innen haben den "wunden Punkt" Tourismus längst als Angriffsziel entdeckt. Und so finden die Proteste nach wie vor an Pfingsten statt, wo gezielt auch die Urlauber_innen auf die braune Vergangenheit hingewiesen werden.
Das heißt nun nicht, dass die "Brendtenfeier" oberhalb des Ortes völlig ohne Proteste abläuft. Bereits vor drei Wochen hatten Unbekannte das Denkmal auf dem "Hohen Brendten" mit pinker Farbe besprüht, wie "
indymedia" berichtete.
Am vergangenen Freitag, zwei Tage vor dem "Gottesdienst", sperrten Aktivist_innen um den Münchner Künstler Wolfram Kastner eine Kapelle in Mittenwald ab. In dem "Gotteshaus" mitten im Ortszentrum liegen offen "Gefallenenanzeigen" aus der NS-Zeit nebst Hakenkreuzen aus. Kastner in Kolleg_innen sperrten - in Soldatenuniform mit weißen Gesichtern - den Zugang zur Kapelle mit einem Transparent ab. Das schwarze Banner trug das Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" , ergänzt mit dem Zusatz "keine Helden." (
vgl. Junge Welt)
Eine für vergangenen Sonntag geplante kleinere Demonstration zum Zugang zum "Hohen Brendten" wurde aus nicht näher genannten Gründen abgesagt.
"Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher!"
An Pfingsten aber, am 30. Mai 2009 werden wieder hunderte Antifaschist_innen und Antimilitarist_innen nach Mittenwald kommen um gegen die furchtbare Traditionspflege der Gebirgsjäger zu demonstrieren. Neben der Demonstration findet auch in diesem Jahr eine Zeitzeug_innen-Veranstaltung statt - vermutlich erneut in einem Bierzelt auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof, weil die Gemeinde den Brendten-Gegner_innen keine Räume zur Verfügung stellen will. Über den Ort heißt es
im aktuellen Aufruf:
"Mittenwald steht exemplarisch für die Verquickung von deutschem Militär, Kirche und Gesellschaft. Wie einst die Wehrmacht, ist heute die Bundeswehr der größte Arbeitgeber im Ort. Die gesamte Stadt ist mit ihrer politischen, ökonomischen und sozialen Struktur auf das Engste mit dem Militär verbunden. Das schafft Loyalitäten mit Mördern und Kriegsverbrechern, die schwerer wiegen als die offenkundig zu abstrakt gebliebene politisch-moralische Verpflichtung, sich mit deren Opfern auseinander zu setzen und dieser zu gedenken."
Den Organisator_innen geht es an Pfingsten aber nicht nur um den Tourismus als Anlass und Ziel der Kampagne "Angreifbare Traditionspflege". Darüber hinaus will mensch "den traditionellen Termin ihrer Heldenfeier inhaltlich neu besetzen". Statt dieser sollen an Pfingsten "gemeinsam mit Überlebenden die Erinnerung an die NS-Opfer und die Verbrechen der Täter" im Mittelpunkt stehen. Weiter heißt es :
"Wir wollen damit den Teil der Kampagne abschließen, der sich gegen die Brendtenfeier und die Vertuschung der Verbrechen richtet. Mit dem Denkmal für die Bevölkerung Mittenwalds werden wir einen „Stein des Anstoßes“ im Ort der Täter schaffen, in dem sich die das Gedenken an die Opfer deutscher Kriegsverbrechen und deren Forderung nach Entschädigung manifestiert. Bildlich gesprochen: In Mittenwald ist jeden Tag Pfingsten. Die Leugnung der Kriegsverbrechen und die Verhöhnung der Opfer findet in der alljährlichen Brendtenfeier ihre Zuspitzung, doch sie ist Teil des Alltags im Divisionsstandort Mittenwald. Unsere Intervention zielt darauf, in diesem deutschen Alltag einen Ort des Erinnerns und der alltäglichen Auseinandersetzung zu schaffen."
Aber nicht nur um das Erinnern an die Täter und Opfer der Wehrmacht geht es den Brendtengegner_innen, so wichtig dieses auch ist. Angesichts der jüngeren Entwicklungen bei der Bundeswehr wolllen die Demonstrant_innen den Blick auch zunehmend auf den "Zusammenhang zwischen der Entsorgung der Geschichte und dem aktuellen aktuellen Militarismus" richten:
"Zusammenhang zwischen der Entsorgung der Geschichte und dem aktuellen aktuellen Militarismus werden wir uns in Zukunft verstärkt widmen.
"Neben der historisch ausgerichteten Thematisierung des Militarismus werden die Unterstützung der Entschädigungsforderungen der NS-Opfer sowie die Forderung und kritische Begleitung von Gerichtsverfahren gegen deutsche Kriegsverbrecher ein wichtiger Bestandteil unserer antifaschistischen Initiativen sein. Diese historisch eingebettete Auseinandersetzung kann nicht umhin, auch den aktuellen Militarismus in die Fokus zu nehmen. Das Militär hat keine Zukunft. Es ist Garant einer Gegenwart, die jeder emanzipatorischen Entwicklung der Menschheit entgegensteht, in Mittenwald und überall."
Programm an Pfingsten
In diesem Jahr sind für den Pfingstsamstag eine Zeitzeugenveranstaltung, ein Konzert und mehrere Aktionen auf den Straßen Mittenwalds geplant. Sobald alle Zeiten und Orte feststehen, werden wir sie hier ankündigen:
10.00 - 13.00 Uhr
Zeitzeugenveranstaltung
Maurice Cling, Paris,
Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, Überlebender des Todesmarsches von Auschwitz über Dachau nach Mittenwald (Kurzbiographie).
Max Tzwangue, Paris,
Resistance-Kämpfer der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans - Main-d’Oeuvre Immigrée), Amicale Liberte-Carmagnole, Paris (Kurzbiografie).
Marcella de Negri, Mailand,
Tochter des auf Kephallonia von Gebirgsjägern ermordeten Hauptmanns Cap. Francesco De Negri.
Shlomo Venezia, Rom,
Überlebender des Sonderkommandos im Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (angefragt).
13 - 14 Uhr
Konzert | Esther Bejarano mit Coincidence und Microphone Mafia
... spielen aus dem gemeinsamen Album „Per la vita“, das Ende April erscheinen wird. Das Album entstand zusammen mit der Familie Bejarano. Esther Bejarano ist zusammen mit Anita Lasker Wallfisch die letzte bekannte Überlebende des Mädchenorchesters von Ausschwitz.
Die Microphone Mafia mach seit 10 Jahren Hip-Hop und tourt in den kommenden Monaten unter dem Motto La Resistance durch die Städte.
Das Konzert wird unterstützt durch das "Auschwitz-Komitee in der
Bundesrepublik Deutschland e.V."
15 Uhr | Rathaus
Demonstration
Entschädigung aller NS-Opfer! Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher!
Die militaristische Traditionspflege der Gebirgsjäger angreifen!
Ab 16 Uhr
Mahnwache „Ein Denkmal für Mittenwald“ auf dem Obermarkt.
- Links:
- keine-ruhe.org/mittenwald


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