08.09.09 16:56

Badeurlaub im Massengrab

Von: luzi-m

Wir beschlossen, daß praktische Solidarität im Vordergrund steht und
die Leute aufgenommen werden.

Sie hatten sogenannte "weisse Papiere" erhalten, also eine
Aufforderung die EU innerhalb 30 Tagen zu verlassen,
aber weder ein Fernreiseticket, noch Geld, um sich eines zu kaufen.

Luzi-M: Wieviele Teilnehmer_innen waren auf dem Camp und was habt ihr dort gemacht?

Lena: Es reisten zirka fünfhundert Aktivist_innen an. Wir demonstrierten vor dem Gefängnis in Pagani und konnten uns darauf einigen, friedlich zu bleiben. Die Inhaftierten stiegen auf die Fenstergitter und demonstrierten lautstark mit. Es wurden innen auch Sachen angezündet. Ihre Wut und Verzweiflung war überwältigend.

Eine sehr zentrale Sache war auch unser Informationsstand am Hafen der Hauptstadt Mitilini. Dort gab es Informationen über die griechische Asylpolitik und Flüchtlingsrechte für die neu ankommende Flüchtlinge. Wenn diese Leute nach einer lebensgefährlichen Flucht zu Lande und zu Wasser, dann endlich die Insel Lesbos erreichen, glauben sie, daß sie sich schnell registrieren müssen, um ihr Asylverfahren einzuleiten und bald in sicherheit zu sein.

Wir haben sie darüber aufgeklärt, daß sie nach ihrer Registrierung
verhaftet würden und nicht mehr in andere EU-Länder weiterreisen dürften wegen Dublin 2 und der Drittstaatenregelung.

Registrierung in Griechenland ist der Weg zur Abschiebung und verhindert die Möglichkeit, in einem anderen Schengenland eine Asylantrag stellen zu können.

Es ist ratsamer, sich nicht registrieren zu lassen und alles daran zu setzen in eine Großstadt zu kommen. In dem Fall ist das Athen und dort zu versuchen sich in der Flüchtlingscommunity zu vernetzen.

Allerdings ist es sehr viel einfacher für Europäer_innen Tickets aufs
Festland zu kaufen, weil Flüchtlinge oft abgegriffen werden bei Kontrollen. Es gab Leute, die Flüchtlingen im Laufe der Woche Tickets unter ihrem Namen gekauft haben, damit diese weiterreisen können.

Luzi-M: Hast du so eine Kontrolle miterlebt?

Lena: Am Hafen sind Flüchtlinge, die die Fähre besteigen wollten, verhaftet
worden und in einem Polizeibus gebracht worden. Ich habe entsetzliche, laute Schreie aus dem Bus gehört.

Luzi-M: Konnte bezüglich des Knasts noch etwas erreicht werden?

Lena: Es gab eine Deligation von Medizinern, die in den Knast gehen konnten und die medizinische Versorgung anschieben konnten. Das kleine Krankenhaus in Lesbos ist halt auch nicht sehr gut ausgestattet, es liegt nicht am fehlenden guten Willen der Leute dort.

Am letzten Tag haben dann inhaftierte Frauen es geschafft ihre
Großraummzelle, in der sie mit Kindern eingesperrt waren zu öffnen und sind in den Innenhof des Gefängnisses gelangt. Dort traten sie in einen Hungerstreik. Daraufhin wurden vierhundertfünzig Häftlinge entlassen.

Luzi-M: Hattest du auch persönlich Kontakt zu Flüchtlingen?

Lena: Ja, ich habe einen Mann getroffen. Er war Mitte zwanzig wie ich und wollte nicht sagen woher er kommt, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Er hat mich gefragt, wie es in Deutschland ist, weil er dorthin gehen wollte.

Er glaubt, Deutschland wäre ein fortschrittliches Land. Ich konnte nur
sagen, daß es hart wird.

(Lena kann nicht mehr weiterreden und wendet sich sichtlich betroffen ab.)

Ohje! So ein frustrierendes Gespräch und jetzt wird es auch noch niedergeschrieben!

Luzi-M: Was hast du ihm geraten?

Lena: Ich habe ihm über europäische Asylpolitik erzählt und damit viele Illusionen zerstört über Chancengleichheit und Menschenrechte. Ich habe ihm auch abgeraten sich registrieren zu lassen.


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