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Literaturhaus hält an Sarrazin fest

05.09.10 19:10

Lesung soll nach Protesten "Diskussionsveranstaltung" werden[mehr]



Hetzer im Literaturhaus? - Antifa kündigt Proteste an

31.08.10 16:36 Thilo Sarrazin (Foto: <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Thilo_Sarrazin030709.jpg&amp;filetimestamp=20100717150035" target="_blank">Nina c/o Wikipedia</a>)

Die "Antifa NT" fordert den Kulturbetrieb auf, eine Lesung von Thilo Sarrazin abzusagen[mehr]



Resonanz "besser als erwartet"

30.08.10 09:50 Foto: <a href="http://de.indymedia.org/2010/08/288713.shtml" target="_blank">indymedia.org</a>)

Rabatz-Bündnis zieht positive Bilanz der Kundgebung gegen Homophobie und Sexismus am "Chiemsee...[mehr]



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08.01.09 11:05

München - Hauptstadt der Unsichtbarkeit

Von: Carl Blauhorn

In der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" tut mensch sich schwer mit der Erinnerung.

Ein Kommentar von Carl Blauhorn.

Am liebsten würde mensch es vermeiden, das attraktiv hergerichtete Stadtbild durch Erinnerung an die dunklen Flecken der Nazigeschichte zu stören.

Darum ist am Alten Rathaus kein Hinweis darauf zu finden, dass von dort aus die brutale Verfolgung der Juden in der sog. "Kristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 ausgelöst wurde.

Darum sind alle anderen Erinnerungstafeln so unscheinbar und wohl versteckt, dass man sie kaum findet, und immer nur in mageren deutschen Worten verfasst, so dass sie kein Besucher lesen kann, der nur Englisch versteht.

Darum gibt es im Unterschied zu den meisten deutschen Städten keine Stolpersteine an den Wohnorten der von den Nazis Ermordeten.

Darum sind die Namen der ermordeten Juden nur unterirdisch und nur zu bestimmten Zeiten mit Führung zu sehen.

Nun aber wollte man ein deutliches Zeichen setzen und den Mangel beheben und schrieb wacker unter dem Motto "Opfer des Nationalsozialismus - Neue Formen des Erinnerns" einen Kunstwettbewerb aus.

Daran durften sich aber nicht alle Interessierten beteiligen, sondern nur eine kleine Zahl von geladenen Künstlern - damit das alles nicht zu öffentlich würde und eventuell so etwas Schreckliches wie eine "Berliner Diskussion" (über das Holocaust-Denkmal und Notwendigkeit und Art der Erinnerung) losbräche.

In München treffen Stadträte wichtige Entscheidungen schon immer gerne ganz geheim in Hinterzimmern. Und auch die Künstler meiden gerne die öffentliche Diskussion mit der Bevölkerung - weil sie die für nicht kompetent und kunstsinnig genug halten. Lieber beschränkt man sich auf den ungeheuren Sachverstand der Kunstsachverständigen und auf die gewöhnliche Vetternwirtschaft in den geheim entscheidenden Kunstkommissionen.

Die geheime Erinnerungskunstjury traf nach einigen geheimnisvollen Beratungen ihre Entscheidung und suchte sich den unsichtbarsten Beitrag aus. Sehr "ephemer" und sehr modern und scheinbar insbesondere an die jungen Menschen gewandt. Die Stadträte haben die Entscheidung in einem Beschluss nachvollzogen.

Es scheint nun so, als würde die Bayerische Landeshauptstadt im Jahre 2009 endlich für 450.000 Euro ein richtig modernes und ganz und gar unsichtbares Zeichen der Erinnerung an die von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen bekommen: "Handy-Schleifen über der Stadt".

Nichts zu sehen am Königsplatz wo die Nazi-Bataillone eingeschworen und die Bücher der verfemten Autoren verbrannt wurden, nichts zu sehen am Ort des Gestapo-Hauptquartiers (wo gefoltert und gemordet wurde und heute die Pleite-Landesbank residiert), nichts zu sehen von den verfolgten Künstler/innen am Haus der Deutschen Kunst (dessen Leiter Jurymitglied war), nichts zu sehen an der Oberfinanzdirektion (einem Klotz der NS-Architektur, in dem der Raub an den von den Nazis Verfolgten ebenso verwaltet wurde wie die verweigerte Rückgabe) ....

Nach dem Wunsch der Künstlerin und der geheimen Kunstsachverständigen sollen sich Jugendliche per SMS Informationen über "Opfer des Nationalsozialismus" aus dem Netz holen können. So denken sich das die Sachverständigen im  Münchner Wolkenkuckucksgeheim. Wenn man aber die realen Gewohnheiten Jugendlicher berücksichtigt und auf den Boden der Tatsachen im Internet und Telefonierverhalten zurückkehrt, ist sehr leicht zu erkennen, dass Jugendliche  sich nie längere Informationen auf ihr Handy holen - und schon gar nicht über so ein unangenehmes und schwieriges Thema.

Die wundersame Entscheidung der Juroren und Stadträte läuft also - wenn sie denn wirklich realisiert wird - darauf hinaus, dass man für eine stattliche Summe nichts sehen wird im Stadtbild. Nichts stört, niemand muss Besuchern an historisch kontaminierten Orten irgend welche unliebsamen Fragen beantworten.

Eine "Neue Form des Gedenkens"?

Das Ganze erinnert an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, die niemand sah und die den Blick auf die Unterwäsche des eitlen Herrschers freigaben. Ein im Stadtbild unsichtbares Erinnerungszeichen als Ausdruck des gegenwärtigen Geschichtsbewusstseins in der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung legt ebenfalls etwas von dem bloß, was darunter liegt. Zumindest zeigt es die völlige Unfähigkeit, das Thema öffentlich zu vermitteln und von der kunstimmanenten Selbstverliebtheit und Pseudo-Modernität abzusehen.

Oder äußert sich darin eine gezielte Absicht? Unsichtbare, unzugängliche (oder so gut wie unauffindbare) Denkmale gibt es in München peinlicherweise in Überzahl, weil die Geschichte der NS-Verbrechen und der Verfolgten eher unauffällig bleiben oder versteckt werden sollte.

Unsichtbare Erinnerungszeichen könnten höchstens als ironische Anmerkung zum Umgang mit der Nazi-Geschichte und ihrer Reflektion verstanden werden. Angesichts des Themas der Ausschreibung und der bereitgestellten Summe wirkt dergleichen nahezu zynisch.

Zu hoffen ist, dass die unsichtbaren Schleifen nicht durchgezogen werden und dass es doch noch zu einem öffentlichen Nachdenken und einer guten "Münchner" Diskussion mit möglichst vielen Menschen in dieser Stadt darüber kommt, welche Anforderungen an "Neue Formen der Erinnerung" zu stellen sind und wie öffentlich Ausschreibungen und Entscheidungen solcher Art künftig sein sollen. Die Ausstellung und Diskussion der anderen Wettbewerbsbeiträge könnte ein sinnvoller Schritt dazu sein.

Schließlich sollen die Bürger/innen Münchens sich mit einem so bedeutsamen Thema und Denkzeichen auseinandersetzen und vielleicht auch identifizieren können und nicht nur ein paar geheim entscheidende Juroren. Das wäre ein guter wenngleich etwas mühsamerer Weg. So viel Mühe hat Demokratie nötig, wenn wir sie ernst nehmen.

Auch die Besucher sollten etwas zu sehen bekommen, woran sie erkennen könnten, dass nicht Vertuschen und Heimlichkeit die hervorstechenden Eigenheiten dieser Stadt und ihrer Bewohner sind.

Sonst würde München den Beinamen "Hauptstadt der unsichtbaren Geschichte" verdienen.


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