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31.08.10 16:36 Thilo Sarrazin (Foto: <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Thilo_Sarrazin030709.jpg&amp;filetimestamp=20100717150035" target="_blank">Nina c/o Wikipedia</a>)

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02.07.08 16:32

„Waldorfpädagogik - eine distanziert kritische Betrachtung“

Von: Redaktion Luzi-M

„Lass dich nicht versteinern........“ - unter diesem Motto stand eine Veranstaltung der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) – Lehramtskampagne, die am vergangenen Montag an der Uni München stattfand und die sich kritisch mit den sogenannten Waldorfschulen und der Ideologie ihres Begründers und Gurus Rudolf Steiner (1861-1925) auseinander setzte.

Totenmaske Steiners

Totenmaske Steiners

Als Referenten waren geladen Klaus Weber, Professor an der FH München und Andreas Lichte, ein ausgebildeter Waldorflehrer, der aber bereits während seiner Ausbildung zu Zweifeln begann, an den untrennbar mit Steiner verbundenen pädagogischen Konzepten der Waldorfschulen und ihrer anthroposophischen Weltanschauung.

Weber stellte einleitend fest, dass die Schullaufbahn eines Menschen und die Frage, welche Schule er besuche, keinerlei Rückschlüsse darauf hin zuließen, was aus diesem Menschen einmal werde. Menschen könnten sich, wie er selbst, trotz oder/ und wegen (!) bestimmter Erfahrungen in der Schule in eine bestimmte Richtung entwickeln; Zwangsläufigkeiten gäbe es nicht.

Zunächst formulierte Weber eine emanzipatorische Kritik an den staatlichen Schulen und fragte nach den Gründen, warum (auch) sich fortschrittlich dünkende Eltern, ihre Kinder auf Waldorfschulen schickten. So seien die hierarchische, oft anonyme Struktur an den Schulen, sowie die Konkurrenzsituationen, der Leistungsdruck, die Noten und das mangelnde Mitspracherecht der Eltern der Grund dafür, dass sich viele Eltern nach Alternativen umsähen.

Anschließend arbeitete Weber anhand von Pro-Waldorf-Literatur die drei zentralen Elemente heraus, auf denen die Waldofpädagogik aufbaut: So sei der Mensch nach Steiner grundsätzlich in einen größeren „Schicksalszusammenhang“ eingebettet, aus dem er nicht herauskomme. Im Zusammenhang damit stehe ein anti-aufklärerischer Glaube an Karma, Vorhersehung und Schicksalsbestimmung. Zweitens gehe die Waldorfpädagogik von Steiners Temperamentenlehre aus, die Menschen – vollkommen willkürlich und von der Wissenschaft längst widerlegt – in vier Typen einteile. Drittens lege die Waldorfschule ihre Schulen problematischer Weise auf eine christliche Glaubensrichtung hin fest, auch wenn sie sich andererseits als weltanschaulich neutral bezeichne.

Weber äußerte zwar scharfe Kritik am staatlichen Schulsystem und der dortigen Praxis der Leistungsbeurteilung und dem willkürlichen Notensystem. Der Schicksalsglaube und die Temperamentenlehre an Steiner-Schulen führe aber dazu, dass nicht die Leistungen der SchülerInnen, sondern ihre Persönlichkeit beurteilt werde, was keineswegs besser sei.

Nach Webers Ausführungen berichtete Andreas Lichte von seinen Erfahrungen zur Ausbildung als Waldorflehrer. Nachdem ihm von Dozenten in der Ausbildung zunächst erzählt worden war, er müsse nicht „Anthroposoph“ (Anhänger der Lehre Steiners) werden, wurde ihm nach einigen Monaten sehr wohl klar, dass der Glaube an Steiners Lehre zentrale Voraussetzung ist, um die Ausbildung zu bestreiten und an Waldorf-Schulen unterrichten zu können. Gegen Ende der Ausbildung wurde er nicht nur über Steiners abstruses Weltbild geprüft, sondern auch gefragt, ob er daran auch glaube. Einer der Dozenten bezeichnete sich als „Missionar in Sachen Steiner.“

Die gesamte Pädagogik sei darauf abgerichtet, entsprechend der vier Temperamententypen zu unterrichten. So gebe es Mathematikunterricht für Sanguiniker, für Choleriker, für Melancholiker, für Phlegmatiker.... Dabei sei die Einteilung der SchülerInnen in diese Kategorien völlig willkürlich. Der zu lehrende Inhalt sei durchzogen mit dem Glauben an abstruse Mythen wie den Untergang des Kontinents Atlantis und Märchen, in denen nach so etwas wie der „Volksseele“ gesucht werde.

Zentral für die Unterrichtspraxis sei auch Steiners Stufenlehre, nach der der Mensch sich in sieben-Jahres-Schritten entwickle. Diese sieben-jährigen Stufen würden als definitiv gesehen, so dass SchülerInnen beispielsweise vor ihrem vierzehnten Lebensjahr konsequent von intellektuellen Anforderungen und vielen technischen Geräten ferngehalten werden, da sie dafür „noch nicht reif genug“ seien.

Als Lichte während seiner Ausbildung in einem Seminar kritisch hinterfragte, weshalb in einem Lehrgang die Nachkommen nordamerikanische Ur-Einwohner als „absterbende Rasse“ bezeichnet wurden, deren „Absterben“ quasi logische Folge ihres Schicksals sei, legte die Ausbildungsleitung ihm Nahe, zu gehen und KollegInnen versuchen ihn zu mobben. Doch „wie in einem Horrorfilm, aus dem man nicht früher raus gehen will, weil man das Ende sehen will“ bricht er nicht ab. Als er mit der Ausbildung letztlich fertig ist, und ein Stellenangebot für eine Steiner-Einrchtung für Behinderte angeboten bekommt, lehnt er ab. Er weiß: In Steiners Weltbild und im Weltbild der Anthroposophen sind die Behinderungen Folge eines verfehlten Verhaltens im früheren Leben – Karma eben.

Erwartungsgemäß waren viele AnhängerInnen der gut vernetzten Anthroposophen während der Veranstaltung anwesend. Sie zweifelten Lichtes Ausführungen an, oder taten sie als „Einzelfall“ ab, und waren unzufrieden mit der „einseitigen und polemischen Darstellung.“ Sie wollten offensichtlich nicht wahrhaben, dass die Veranstaltung selbstredend nicht als Werbung für Steiner-Schulen ausgerichtet war. Letztlich konnten die anwesenden AnthroposophInnen auch nicht schlüssig darlegen, was zum Beispiel an Steiners „Temperamentenlehre“ erhaltenswert sei und in wie fern eine aufgeklärte, emanzipatorische Gesellschaft im 21.Jahrhundert von Steiners Lehre und den Waldorfschulen profitieren könnte. „Alternativ“ ist zwar „alternativ“ – aber aber noch lange nicht besser.


Zur Ideologie Rudolf Steiners: http://www.fkpsych.de/psycho/anthroposophie.html

Informationen zum Antrag des Bundesfamilienministeriums auf Indizierung zweier Bücher von Rudolf Steiner im Herbst 2007:
http://www.gwup.org/aktuell/news.php?aktion=detail&id=414

Bildquelle: http://www.waldorfcritics.org

 


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